Lenkung der Dinge
- wenig zugängliche Gedichte -

An den Leser.
  Leser, ich fürchte, du wirst meine Gedichte nicht verstehen.
Du würdest sie verstehen, wenn du sie nach und nach kennenlernen könntest, und sei es aus verschiedenen Zeitschriften. Aber du hattest diese Möglichkeit nicht, und so gebe ich mit Schmerzen im Herzen diesen meinen ersten Gedichtband heraus."

Charms, Notizbuch 1926.


 
                 Gedichte                 

Noten seh ich...
So tritt denn schließlich...
Gebet vor dem Einschlafen
Gegrüßet seist du Tisch...
Jakov Lejbus er ist Maler...
Kleines Lied
Im Körbchen saß ein Tier...
Ich weiß warum die Wege...
Ich dachte lange an die Adler...
Es war einmal bei Nacht...

                 Traktate                 

Gegenstände und Figuren
Über die Zeit, über den Raum...
Der Säbel
Traktat mehr oder weniger nach...



Gedichte
"Gedichte
 schreiben muß man so, daß, wenn man das Gedicht
 gegen das Fenster wirft, das Glas zu Bruch geht." Daniil Charms.
Gedichte
Noten seh ich
sehe rot
sehe Lilien Idiot
Herz ist Hokus
oder nein
Welt ist Jokus
oder doch.                                                                                                   


Noten seh ich

 
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Gedichte
So tritt denn schließlich alles ein
und es ergibt sich Folgerichtigkeit.
Wie merkwürdig wäre, träten zwei Ereignisse
auf einmal gleichzeitig ein.

Rätselfrage: Und wenn statt zweier Ereignisse
   acht Seifenblasen einträten?
Antwort: Dann würden wir uns natürlich hinlegen.

Diese Antwort war klar und kurz.
Ein Mensch wurde in Papier eingewickelt.
Es gibt kein Papier. Der Winter ist da.                                                                                  

 
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Gedichte
Gebet vor dem Einschlafen

Am 28. März 1931 um 7 Uhr abends

Herr, mitten am hellichten Tage
ward ich befallen von der Faulheit.
Erlaube mir zu Bett zu gehen und zu schlafen Herr,
und bis ich einschlafe, wiege mich Herr
mit Deiner Kraft.
Vieles möchte ich wissen,
aber weder Menschen noch Bücher sagen es mir.
Nur Du erleuchte mich Herr
auf dem Wege meiner Verse.
Wecke mich stark zum Kampf mit den Bedeutungen,
schnell zum Führen der Wörter
und fleißig im Lobpreisen Deines Namens Herr in Ewigkeit.                                                                                        

 
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Gedichte
Gegrüßet seist du Tisch
viele Jahre hast du mir Lampe und Buch gehalten
auch verschiedenfarbige Bouletten
unter dir bin ich gegangen ohne den Kopf zu beugen
Kissen sammelnd für gedachte Käfer
Wahnsinniger! was hat dich geritten
alles auf den Boden zu werfen
was der Mensch deiner Vernunft anvertraut hat
bleib stehen hölzerner Tunichgut.                                                                                                   
 
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Gedichte

Jakov Lejbos er ist Maler
stand beim Bier. und ich wie er.
Er zu mir: Und du bist Bäcker?
Ich zu ihm: So ungefähr.                                                                                                    
 
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Gedichte
Kleines Lied

Einst ging ein Mensch aus seinem Haus
in Mantel, Stock und Hut
     Lang ist der Weg
     lang ist der Weg
der vor ihm auf sich tut.

Er ging und ging geradeaus
und schaute nicht beiseit.
     Nicht schlief nicht trank
     nicht schlief nicht trank
er gestern, morgen, heut.

Und eines Tags im Morgengraun
stand er im dunklen Wald
     Und seit der Zeit
     und seit der Zeit
er für verschwunden galt.

Begegnet ihr ihm irgendwann
an irgend einer Stell
     dann sagt es uns
     dann sagt es uns
dann sagt es uns ganz schnell.                                                                                                              

 
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Gedichte

Im Körbchen saß ein Tier
Stepan mit Namen
das stimmt gar nicht glaube mir
es war einmal ein Kind
das hatte Schilf im Herzen
und kaltes Wasser nur
statt einer Nase hatte es
nur einen Wasserhahn
statt Augen nur ein Loch
und weint und weint und schreit
und stöhnt aus seinem Bauch                                                                                                   
 
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Gedichte

Ich weiß warum die Wege
wenn sie sich losreißen von der Erde
mit den Vögeln spielen.
Mir ist bestens bekannt
wohin der Soldat stirbt
wenn er sein letztes Wort gerufen hat.
Die Bleiknöpfe seines Mantels
werden Zeichen
für das was neu sich vor ihm auftut.
Ein zartes Ästchen Wind
bläst in sein Grab.
Mit riesigen Schwüngen der Rippen
fängt der Soldat die Lufträder ein
die das Blut kreisen lassen zur Verlängerung des Lebens.
Nicht schwer ist auszurechnen
wie oft in der Minute das Herz schlägt des Feindes und des Kriegers.
Ferner sei euch das Mittel entdeckt
zur Erforschung der Himmelsbalkone
in denen das Pendel der sechsten Zeit
irdische Grüße versteckt.
Ich will euch den Weg der Rettung weisen.                                           
 
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Gedichte

Ich dachte lange an die Adler
und ich begriff sehr viel:
die Adler fliegen in den Wolken,
sie fliegen, ohne jemand zu berühren.
Und ich begriff, die Adler wohnen auf Felsen in Bergen,
und sind mit den Nymphen gut Freund.
Ich dachte lange an die Adler,
doch ich verwechsle sie mit Fliegen, wie mir scheint.                                                         
 
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Gedichte

Es war einmal bei Nacht. Im Fenster
Ein Feuer blinkte wie zum Gruß.                                                                          
 
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Traktate
"Jede Weisheit
 ist gut, wenn man sie verstanden hat. Unverstandene Weisheit setzt
 leicht Staub an." Daniil Charms.
Gedichte

Gegenstände und Figuren, entdeckt von Daniil Iwanovic Charms

  1. Die Bedeutung jedes Gegenstandes ist vielfältig. Schaffen wir alle Bedeutungen außer einer ab, so machen wir allein dadurch den gegebenen Gegenstand unmöglich.
    Schaffen wir auch diese letzte Bedeutung ab, so schaffen wir die Existenz des Gegenstandes selbst ab.
  2. Jeder Gegenstand (leblos und vom Menschen geschaffen) hat vier FUNKTIONALE Bedeutungen und eine FÜNFTE WESENTLICHE Bedeutung.
    Die ersten vier sind: 1) die darstellbare (geometrische) Bedeutung, 2) die zielgerechte, zweckbestimmte (utilitare) Bedeutung, 3) die Bedeutung der emotionalen Wirkung auf den Menschen, 4) die Bedeutung der ästhetischen Wirkung auf den Menschen. Die fünfte Bedeutung definiert sich durch das Faktum der Existenz des Gegenstandes selbst. Sie steht jenseits des Verhältnisses zwischen Gegenstand und Mensch und dient nur dem Gegenstand selbst. Die fünfte Bedeutung ist - der freie Wille des Gegenstandes.
  3. Der Mensch, der mit dem Gegenstand in ein Verhältnis eintritt, erforscht dessen vier funktionale Bedeutungen. Mit ihrer Hilfe ordnet sich der Gegenstand im Bewußtsein des Menschen ein, wo er auch lebt. Würde der Mensch auf die Gesamtheit der Gegenstände mit nur drei oder vier funktionalen Bedeutungen gestoßen, er würde aufhören, ein Mensch zu sein.
    Der Mensch indessen, der die Gesamtheit der Gegenstände beobachtet, die aller vier funktionalen Bedeutungen entkleidet sind, hört auf, Beobachter zu sein, und wird zu einem von ihm geschaffenen Gegenstand: Sich selbst schreibt er die fünfte Bedeutung seiner Existenz zu.
  4. Die fünfte wesentlichen Bedeutung hat der Gegenstand nur außerhalb und jenseits des Menschen, d.h., wenn er Vater, Haus und den Boden unter den Füßen verliert. Ein solcher Gegenstand "SCHWEBT".
  5. Schwebend sind nicht nur Gegenstände, sondern auch: Gesten und Handlungen.
  6. Die fünfte Bedeutung des Schrankes ist Schrank.
    Die fünfte Bedeutung des Laufs ist Lauf.
  7. Die unendliche Vielzahl adjektivischer und komplizierter literarischer Definitionen des Schranks vereinigt sich in dem Wort "SCHRANK"
  8. Teilte man den Schrank in vier, den vier funktionalen Bedeutungen des Schranks entsprechende Disziplinen auf, so erhielten wir vier Gegenstände, die in ihrer Gesamtheit einen Schrank darstellen würden. Aber das wäre kein Schrank als solcher, und einem solchen synthetischen Schrank könnte man unmöglich die fünfte Bedeutung des Einen Schranks zuerkennen. Nur in unserem Bewußtsein zusamengesetzt, hätte er die vier wesentlichen Bedeutungen und die vier funktionalen. Und im selben Augenblick der Zusammensetzung würden außerhalb unser vier Gegenstände leben, die über je eine wesentliche und je eine funktionale Bedeutung verfügten. Stieße der Beobachter auf sie - wäre er kein Mensch mehr.
  9. Der Gegenstand hat im Bewußtsein des Menschen vier funktionale Bedeutungen und die Bedeutung als Wort (der Schrank). Das Wort Schrank und der Schrank als konkreter Gegenstand existieren im System der konkreten Welt auf der gleichen Ebene wie andere Gegenstände, Steine und Leuchtkörper. Das Wort Schrank existiert im System der Begriffe auf der gleichen Ebene wie die Wörter: Mensch, Unfruchtbarkeit, Dichte, Übergang usw.
  10. Die fünfte wesentliche Bedeutung des Gegenstandes im konkreten System und im System der Begriffe ist unterschiedlich. Im ersten Falle ist sie der freie Wille des Gegenstandes, im zweiten - der freie Wille des Wortes (oder des Gedankens, der durch das Wort nicht ausgedrückt wird, aber wir beschränken uns hier auf die durch Wörter ausgedrückten Begriffe).
  11. Jede beliebige Reihe von Gegenständen, die die Verbindung ihrer funktionalen Bedeutungen zerstört, bewahrt die Verbindung der wesentlichen Bedeutungen, fünf an der Zahl. Eine Reihe dieser Art ist keine menschliche Reihe, sondern ist ein Gedanke der gegenständlichen Welt. Betrachtet man eine solche Reihe als ganze Größe und als neu entstandenen synthetischen Gegenstand, so können wir diesem neue Bedeutungen zuerkennen, drei an der Zahl: 1) eine geometrische, 2) eine ästhetische und 3) eine wesentliche.
  12. Überführt man diese Reihe in ein anderes System, so erhalten wir eine Wortreihe, die menschlich SINNLOS ist.
 
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Gedichte

Über die Zeit, über den Raum, über die Existenz (Ausschnitte)

I
1. Eine Welt, die nicht da ist, kann nicht existent genannt werden, weil sie nicht da ist.
2. Eine Welt, die aus einem Einen, Gleichen und Unendlichen besteht, kann nicht existent genannt werden, weil es in einer solchen Welt keine Teile gibt, und wenn es keine Teile gibt, gibt es auch kein Ganzes.
3. Eine existierende Welt muß uneinheitlich sein und Teile haben.
...
7. Nennen wir den ersten Teil dieses, den zweiten Teil jenes, und den Übergang vom einen zum anderen nennen wir nichtjenes und nichtdieses.
8. Nennen wir nichtjenes und nichtdieses das 'Hindernis'.
9. Ergo: Grundlage der Existenz bilden drei Elemente: dieses, das Hindernis und jenes.
10. Stellen wir die Nichtexistenz durch eine Null oder eine Eins dar. Dann müssen wir die Existenz darstellen durch die Ziffer Drei.
11. Ergo: Teilen wir die einheitliche Leere in zwei Teile, so erhalten wir die Dreiheit der Existenz.
12. Oder: Die einheitliche Leere, die auf ein bestimmtes Hindernis stößt, wird in Teile gespalten und bildet so die Dreiheit der Existenz.
13. Das Hindernis ist folglich der Schöpfer, der aus dem 'Nichts' ein 'Etwas' macht.
...
22. Die Existenz unseres Alls wird gebildet aus dreimal 'Nichts' oder nichtexistierenden 'Etwas': Raum, Zeit und etwas, das weder Zeit noch Raum ist.
23. Die Zeit ist, ihrem Wesen nach, einheitlich, gleich und unendlich, deshalb existiert sie nicht.
24. Der Raum ist, seinem Wesen nach, einheitlich, gleich und unendlich, deshalb existiert er nicht.
25. Sobald aber Raum und Zeit in ein bestimmtes Wechselverhätnis treten, werden sie füreinander zum Hindernis und beginnen zu existieren.
26. Mit Beginn ihrer Existenz werden Raum und Zeit wechselseitig Teil voneinander.
27. Die Zeit, die auf das Hindernis der Vergangenheit stößt, wird in Teile gespalten und bildet die Dreiheit der Existenz.
28. Die in Teile gespaltene, existierende Zeit besteht aus den drei Grundelementen der Existenz: aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
...
34. Die 'Gegenwart' ist nur das 'Hindernis' beim Übergang aus der Vergangenheit in die Zukunft, und Vergangenheit und Zukunft erscheinen uns als dieses und jenes der Existenz der Zeit.
35. Ergo: Die Gegenwart erscheint uns als 'Hindernis' in der Existenz der Zeit, und - wie bereits oben gesagt - als Hindernis in der Existenz der Zeit dient der Raum.
36. Das bedeutet: Die 'Gegenwart' der Zeit ist der Raum.
37. In Vergangenheit und Zukunft gibt es keinen Raum, er liegt zur Gänze in der 'Gegenwart' beschlossen. Und die Gegenwart erscheint als Raum.
38. Und da es eine Gegenwart nicht gibt, gibt es auch keinen Raum.
39. Damit haben wir die Existenz der Zeit erklärt , der Raum als solcher hingegen existiert noch nicht.
40. Um die Existenz des Raumes zu erklären, muß man den Fall annehmen, daß die Zeit als Hindernis des Raumes erscheint.
41. Stößt der Raum auf das Hindernis der Zeit, so wird er in Teile gespalten und bildet die Dreiheit der Existenz.
42. Der in Teile gespaltene, existierende Raum besteht aus drei Elementen: Dort, Hier und Dort.
...
45. Das bedeutet: Das Hier des Raumes ist die Zeit.
...
52. Dieses 'etwas', das sich im Schnittpunkt von Raum und Zeit befindet, bildet ein bestimmtes 'Hindernis', das das 'Hier' von der 'Gegenwart' trennt.
53. Dieses 'etwas', das ein Hindernis darstellt und das 'Hier' von der 'Gegenwart' trennt, konstituiert eine bestimmte Existenz, die wir Materie oder Energie nennen. (Wir nennen sie im Folgenden verabredungshalber einfach Materie.
54. Ergo: Die Existenz des Alls, konstituiert durch Raum, Zeit und deren beider Hindernis, drückt sich aus in der Materie.
...
58. Zeit, Raum und Materie, die einander in bestimmten Punkten schneiden und als Grundelemente der Existenz des Alls erscheinen, bilden einen gewissen Knoten.
59. Nennen wir diesen Knoten - den Knoten des Alls.
60. Wenn ich von mir sage: 'Ich bin', füge ich mich ein in den Knoten des Alls.
...
II
25. Paradies - 'dieses'. Welt - 'Hindernis'. Paradies - 'jenes'.
 
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Gedichte

Der Säbel (Ausschnitt)

4

Da stehen wir und sagen: Ich strecke einen Arm nach vorn, den anderen nach hinten. Ich ende also vor mir, wo mein Arm endet, und hinten ende ich ebenfalls dort, wo mein Arm endet. Oben ende ich mit dem Scheitel, unten mit den Fersen, seitlich mit den Schultern. Das bin ich. Und was außer mir, außerhalb meiner ist, bin ich nicht mehr. Nun, da wir uns vollständig abgetrennt haben, reinigen wir unsere Ränder, damit sichtbar wird, wo das Nicht-mehr-wir beginnt. Reinigen wir den untersten Punkt, die Stiefel, den höchsten Punkt - den Scheitel - markieren wir mit einer Mütze, an die Arme legen wir glänzende Manschetten, an die Schultern Epauletten. Jetzt auf einmal ist sichtbar, wo wir enden und wo alles andere beginnt.

5

Das sind die drei Paare unserer Ränder:
1. Arm - Arm
2. Schulter - Schulter
3. Scheitel - Ferse.

6

FRAGE Hat unsere Arbeit schon begonnen? Und wenn, worin besteht sie?
ANTWORT Unsere Arbeit wird sofort beginnen, und sie besteht in der Registratur der Welt, denn wir sind nicht mehr die Welt.
FRAGE Wenn wir nicht mehr die Welt sind, was sind wir dann?
ANTWORT Doch, wir sind Welt. D.h., ich habe mich nicht ganz richtig ausgedrückt. Wir sind noch Welt, aber wir sind allein für uns, und sie ist für sich. Das muß ich erklären: es gibt Zahlen: 1,2,3,4,5,6,7 usw. Alle diese Zahlen bilden eine Reihe des Zählens und Rechnens. In ihr findet jede Zahl ihren Platz. Nur die 1 ist eine besondere Zahl. Sie kann abseits stehen, als Indikator für die Abwesenheit von Zählung. Die 2 dagegen ist die erste Vielzahl, und nach der 2 alle anderen Zahlen. Bestimmte Primitive können nur so zählen: eins und viel. So sind auch wir in der Welt so etwas wie eine Eins in der Reihe der Zahlen.
FRAGE Schön, und wie wollen wir die Welt registrieren?
ANTWORT So, wie die Eins alle übrigen Zahlen registriert, indem sie sich in sie hineinlegt und beobachtet, was dabei herauskommt.
FRAGE Aber registriert die Eins denn die anderen Zahlen?
ANTWORT Nehmen wir an, es wäre so. Aber das spielt keine Rolle.
FRAGE Seltsam. Und wie legen wir uns in die anderen, über die Welt verteilten Gegenstände hinein? Indem wir schauen, um wieviel länger, breiter und höher ein Schrank ist als wir? Meinst du das, ja?
ANTWORT Die Eins stellt sich uns dar als Zeichen in der Gestalt eines Stäbchens. Das Zeichen für Eins ist nur die bequemste Form zur Darstellung der Einheit Eins, wie jedes andere Zahlenzeichen. So sind auch wir nur die bequemste Form unserer Selbst.
Die Eins, die die Zwei registriert, ist nicht einzupassen in das Zeichen Zwei. Die Eins registriert die Zahlen mithilfe ihrer Eigenschaft. So müssen auch wir vorgehen.
FRAGE Aber was ist unsere Eigenschaft?

 
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Gedichte

Traktat mehr oder weniger nach der Lektüre Emersons

1. Über Geschenke

Unvollkommene Geschenke sind solche Geschenke: zum Beispiel: wir schenken jemandem zum Namenstag den Deckel eines Tintenfasses. Und wo ist das Tintenfaß selbst? Oder wir schenken ihm ein Tintenfaß mit Deckel. Und wo ist der Tisch, auf dem das Tintenfaß stehen sollte? Wenn der Beschenkte schon einen Tisch hat, so wird das Tintenfaß zum vollkommenen Geschenk. Stets vollkommene Geschenke sind Schmuckstücke für den nackten Körper, wie zum Beispiel Ringe, Armreifen, Colliers usw. (vorausgesetzt natürlich, der Beschenkte ist kein Krüppel), oder Geschenke wie, zum Beispiel, ein Stäbchen, an dessem einem Ende eine kleine Holzkugel befestigt ist, am anderen Ende dagegen ein hölzerner Würfel. Ein solches Stäbchen kann man in Händen halten oder, wenn man es weglegt, dann ist vollkommen gleichgültig, wohin. Ein solches Stäbchen ist sonst zu nichts nütze.

2. Die richtige Art, sich mit Gegenständen zu umgeben

Angenommen, irgendein vollkommen nackter Hausblockverwalter beschließt sich einzurichten und mit Gegenständen zu umgeben. Wenn er mit einem Stuhl anfängt, so braucht er zu dem Stuhl einen Tisch, zum Tisch eine Lampe, dann ein Bett, dann Bettdecke, Laken, Kommode, Wäsche, Anzug, Kleiderschrank, dann ein Zimmer, in das er alles stellen kann, usw. Hier kann in jedem Punkt des Sytems ein kleines Untersystem entstehen, ein Nebensystem. Auf das runde Tischchen möchte man ein Deckchen legen, auf das Deckchen eine Vase stellen, in die Vase ein Blümchen stecken. Dieses System, sich mit Gegenständen zu umgeben, wo der eine Gegenstand den nächsten nach sich zieht, ist das falsche System, denn wenn in einer Blumenvase keine Blumen stehen, wird die Vase sinnlos, und wenn man die Vase wegnimmt, wird das runde Tischchen sinnlos, man kann zwar auch eine Karaffe mit Wasser daraufstellen, aber wenn man in die Karaffe kein Wasser gießt, so bleibt die Feststellung über die Blumenvase in Kraft. Die Abschaffung des einen Gegenstandes zerstört das gesamte System. Und wenn der nackte Hausblockverwalter Ringe und Armreifen anlegen und sich mit Kugeln und Zelluloideidechsen umgeben würde, so würde der Verlust eines Gegenstandes am Wesen der Sache nichts ändern. Dieses System, sich mit Gegenständen zu umgeben, ist das richtige System.

3. Die richtige Abschaffung der Gegenstände

Ein, wie gewöhnlich, minderbemittelter französischer Schriftsteller, und zwar Alphonse Daudet, hat den überaus belanglosen Gedanken geäußert, daß der Gegenstand nicht an uns hinge. Selbst der uneigennützigste Mensch, der soeben Uhr, Mantel und Buffet verloren hat, wird diesen Verlust bedauern. Aber selbst wenn man die Anhänglichkeit der Gegenstände aufhöbe, wird jeder Mensch, der Bett und Kopfkissen verloren hat, die Dielen des Fußbodens verloren hat und sogar die mehr oder weniger bequemen Steine, und den danach die Schlaflosigkeit heimsucht, anfangen, den Verlust der Gegenstände und der mit ihnen zusammenhängenden Bequemlichkeit zu bedauern. Deshalb ist die Abschaffung der Gegenstände, die man nach dem falschen Prinzip, sich mit Gegenständen zu umgeben, um sich versammelt hat, die falsche Art der Abschaffung von Gegenständen, die einen umgeben. Die Abschaffung der einen umgebenden stets vollkommenen Geschenke dagegen, wie Holzkugeln, Zelluloideidechsen usw., wird einem mehr oder weniger uneigennützigen Menschen nicht das geringste Bedauern abnötigen. Schaffen wir die uns umgebenden Gegenstände auf die richtige Weise ab, so verlieren wir den Geschmack an jeglichem Erwerb.

4. Über die Annäherung an die Unsterblichkeit

Jedem Menschen eignet das Streben nach Genuß, welcher immer besteht entweder in sexueller Befriedigung oder in Sättigung, oder im Erwerb von Gegenständen. Doch nur, was nicht auf dem Wege des Genusses liegt, führt zur Unsterblichkeit. Alle Systeme, die zur Unsterblichkeit führen, lassen sich im Prinzip auf die eine Regel zurückführen: Tu beständig das, wozu du keine Lust hast, denn jeder Mensch möchte immer entweder essen oder seinen Geschlechtstrieb befriedigen oder irgend etwas erwerben oder mehr oder weniger alles zugleich. Interessanterweise hängt die Unsterblichkeit immer mit dem Tod zusammen und wird von verschiedenen religiösen Systemen entweder als ewiger Genuß behandelt oder als ewiges Leiden oder als die ewige Freiheit von Genuß und Leiden.

5. Über die Unsterblichkeit

Recht hat der, dem Gott das Leben als vollkommenes Geschenk geschenkt hat.

 
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