09.03.2006 00:15
Berlin, 15. Oktober 1853
Lieber Freund,
(...) ich bin neugierig, ob ich noch den Tag erlebe, wo ich wieder in eine vernünftige Gegend komme und entweder Meer oder Gebirg sehe. Die märkische Landschaft hat zwar etwas recht Elegisches, aber im ganzen ist sie doch schwächend für den Geist, und dann kann man nicht einmal hinkommen, da man jedesmal einen schrecklichen Anlauf nehmen muss, um in den Sand hinein zu waten. Ich bin fest überzeugt, dass es an der Landschaft liegt, dass die Leute hier unproduktiv werden. Ich sagte es schon hundertmal zu hiesigen Poeten, die sich domiziliert haben, und sie stimmen alle ein und schimpfen womöglich noch mehr als ich; aber keiner weicht vom Fleck, lieber sterben sie elendiglich auf dem Platze, ehe sie von dem verfluchten Klatschnest weggehen. (...)Gottfried Keller an Hermann Hettner, aus der Anthologie "Abends um acht" Schweizer Autorinnen und Autoren in Berlin"